Ich gehe aktuell ins Fitnessstudio – was eigentlich überhaupt nicht meine Welt ist. Normalerweise bin ich eher der Homeworkout- oder Vereinsfitness-Typ. Aber ich trainiere gerade mit einem Bekannten, der zuhause nie wirklich in Schwung kommt und sich mit Geräten einfach wohler fühlt.
Was mir dabei auffällt: In Fitnessstudios sind gefühlt überall Spiegel. Man fühlt sich fast wie beim Tanztraining. Überall Blicke. Auf andere. Auf sich selbst.
Und da stehen sie dann. Arm angespannt. Hüfte leicht verdreht. Der Blick wandert prüfend über den eigenen Körper, als würde man verzweifelt versuchen herauszufinden, aus welchem Winkel man endlich „richtig“ aussieht.
In vielen Augen liegt dabei dieselbe seltsame Mischung:
„Verdammt, ich seh heute gut aus.“
Und gleichzeitig:
„Es reicht trotzdem noch nicht.“
Emotional getrieben ist die neue Ratio
Was Sport und Körperbilder angeht, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir ein Stück Rationalität verloren haben.
Auf der einen Seite steht die Idee der absoluten Selbstakzeptanz:
Liebe dich, wie du bist. Akzeptiere dich, wie du bist.
Und grundsätzlich finde ich das schön. Wirklich. Gerade in einer Welt, in der Menschen sich wegen jeder kleinen Unebenheit unter Druck setzen, ständig Diäten ausprobieren oder sich selbst nie genügen.
Nicht jeder braucht einen perfekten Bauch.
Nicht jeder muss aussehen wie ein Fitness-Influencer.
Problematisch wird es für mich erst dort, wo Selbstakzeptanz beginnt, gesundheitliche Warnsignale auszublenden. Denn natürlich ist nicht jedes Gewicht automatisch gesund. Irgendwann geht es nicht mehr nur um Ästhetik oder gesellschaftliche Erwartungen, sondern auch um Belastung für Gelenke, Herz oder Stoffwechsel.
Auf der anderen Seite steht aber das komplette Gegenteil:
der beinahe krankhafte Drang zur Selbstoptimierung.
Nie gut genug sein. Noch definierter werden. Dünner. Stärker. Disziplinierter.
Trainieren. Vergleichen. Kalorien zählen. In den Spiegel schauen und trotzdem nur Fehler sehen.
Und ja — körperlich wirkt das auf den ersten Blick vielleicht „gesünder“. Aber psychisch kann dieser permanente Kampf gegen den eigenen Körper genauso zerstörerisch werden.
Manche Menschen leben in ständigem Stress mit sich selbst.
Und der Körper zahlt dafür oft ebenfalls einen Preis.
Darf’s ein bisschen Verstand sein?
Ich frage mich manchmal, wie wir überhaupt an den Punkt gekommen sind, unseren Körper ständig mit völlig fremden Menschen aus Instagram, TikTok oder dem Fernsehen zu vergleichen.
Mit Menschen, deren Alltag wir nicht kennen.
Deren Gene wir nicht haben.
Deren Bilder oft bearbeitet, perfekt ausgeleuchtet oder aus dutzenden Versuchen ausgewählt wurden.
Und trotzdem schaut man hin und denkt:
„So müsste ich aussehen.“
Oder auf der anderen Seite:
„Dem geht’s doch auch gut, also kann’s bei mir nicht so schlimm sein.“
Dabei gibt es den perfekten Durchschnittsmenschen schlicht nicht.
Deshalb halte ich auch den BMI nur bedingt für sinnvoll. Als grober Richtwert vielleicht. Aber sicher nicht als ultimative Wahrheit. Gerade Menschen, die viel trainieren, Muskulatur aufbauen oder einfach einen anderen Körperbau haben, fallen dort oft komplett aus dem Raster.
Auch die Waage allein sagt erstaunlich wenig aus.
Vor allem Menschen, die verzweifelt versuchen abzunehmen, geraten schnell in diesen Kreislauf aus täglichem Wiegen, extremen Diäten und ständig wechselnden Trainingsmethoden. Das Gewicht schwankt dabei oft wie eine Achterbahn — und wird irgendwann mehr zum emotionalen Urteil als zu einem sinnvollen Gesundheitswert.
Die eigentliche Frage lautet doch:
Woran misst man überhaupt, ob es dem eigenen Körper gut geht?
Und ich glaube, der wichtigste Gradmesser ist am Ende tatsächlich man selbst.
Nur ich kann ehrlich beurteilen:
Fühle ich mich wohl?
Bin ich leistungsfähig?
Habe ich ständig Schmerzen?
Bin ich dauernd erschöpft oder krank?
Oder fühle ich mich eigentlich gesund und stabil?
Aber genau dafür braucht es etwas, das heute fast verloren gegangen ist:
Ruhe.
Keine Likes.
Keine Spiegelbilder.
Keine Vergleichsbilder.
Keine fremden Maßstäbe.
Vielleicht müsste man manchmal einfach das Handy weglegen. Den ständigen Lärm abschalten. Diese eingebrannten Bilder von perfekten Körpern aus dem Kopf löschen.
Und dann einfach kurz innehalten.
Atmen.
Und sich ehrlich fragen:
Geht es mir eigentlich gut? Fühle ich mich wohl in meinem Körper?
Die gediegene Mitte wählen
Vielleicht liegt die Wahrheit am Ende irgendwo zwischen Selbsthass und Selbstverblendung.
Denn weder macht es Sinn, den eigenen Körper permanent abzuwerten, noch jede Kritik sofort als „toxisch“ abzutun. Wir sind keine perfekten Wesen. Aber wir sind auch keine hoffnungslosen Baustellen, die ständig optimiert werden müssen.
Für mich bedeutet Body Positivity deshalb auch nicht, alles am eigenen Körper automatisch großartig finden zu müssen. Viel wichtiger als reine Optik ist am Ende ohnehin die eigene Gesundheit — körperlich wie psychisch.
Und ja, manchmal gehört dazu auch ein ehrlicher Blick auf sich selbst.
Nicht grausam. Nicht voller Scham. Aber sachlich.
Wie geht es meinem Körper eigentlich wirklich?
Bin ich fit?
Beweglich?
Belastbar?
Fühle ich mich wohl?
Oder ignoriere ich Dinge, von denen ich längst weiß, dass sie mir nicht guttun?
Wer sich selbst und seinen Körper wirklich respektiert, schaut auf sich. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortung.
Man achtet darauf, was man täglich in sich hineinwirft. Wie viel Bewegung man braucht. Wie viel Stress man seinem Körper zumutet. Und wo diese unscheinbare, ruhige Mitte liegt, in der man sich weder ständig bekämpft noch komplett gehen lässt.
Vielleicht ist genau das am Ende die gesündeste Form von Selbstliebe:
Nicht dauernd perfekt sein zu müssen, aber sich selbst ernst genug zu nehmen, um gut auf sich aufzupassen.
Und wenn man irgendwann mit ruhigem, ehrlichem Blick sagen kann:
„So passt es für mich.“
Dann passt es wahrscheinlich wirklich.









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